„Ur-Medizin“ von Wolf-Dieter Storl (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Spuren. Rezension von Rebecca Kunz

Ur medizin WDSTDer Kulturanthropologe und Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl entführt Heilkunde-Interessierte in seinem neuen Werk «Ur-Medizin» (AT Verlag, Aarau 2015) zu einer detaillierten, weiten Schau voller spannender Zusammenhänge. Insbesondere ist es ihm ein Anliegen, den Lesenden die «TEM», die Traditionelle Europäische Medizin, also die Medizin der Eingeborenenvölker Mitteleuropas, näherzubringen. Die Menschen Europas lebten bis vor wenigen tausend Jahren in einem ausgedehnten Waldökotop. Welche Pflanzen besonders wichtig waren oder es in der Heilkunde noch immer sind, welche Einflüsse von aussen kamen, welche Gottheiten und Rituale eine Rolle spielten – das und noch sehr viel mehr erwartet Sie in diesem umfassenden und eloquent geschriebenen Werk. Meine Empfehlung: Lesen Sie bei Ihrem täglichen Kräutertee (welcher Tee zu Ihrer momentanen Verfassung passt, erfahren Sie bei der Lektüre) genüsslich in diesem faszinierenden Buch.

Eine Leseprobe aus «Ur-Medizin» von Wolf-Dieter Storl:

Steinzeitliche Wurzeln: Eiszeitmedizin

»Für Indianer sind Medizin und Religion eng verbunden und verflochten. Das eine ist ein wesentlicher Bestandteil des anderen; eins kann ohne das andere nicht wirken. Es ist fast unmöglich zu bestimmen, wo das praktische Heilen aufhört und das zeremonielle Heilen beginnt.« Joseph Medicine Crow, Absarokee-Häuptling und Medizinmann

»Schamanen können heilen. Ich weiß es. Und ihr Heilen ist nachhaltig.« Beatrix Pfleiderer, Ethnomedizinerin

Heilkunde, insbesondere die Anwendung von heilenden Kräutern, wurde nicht irgendwann erfunden. Kein Urzeit-Einstein hat da verbissen experimentiert und rationelle Schlüsse gezogen, dass dieses Kraut giftig ist, das andere wiederum die Leber stärkt und jenes gut bei Rückenschmerzen ist. Die Anwendung von heilenden Kräutern verliert sich in den Nebeln der Urzeit. Inzwischen bestätigen die Untersuchungen der Verhaltensbiologen (Ethologen), dass Tiere ganz gezielt bestimmte Heilpflanzen anwenden, wenn sie krank oder verletzt sind. »Instinkt« und »angeborene Auslösemechanismen« sind die Verlegenheitserklärungen für diese schwer zu fassenden Verhaltensmuster, etwa wenn sich verletzte Gämsen auf dem blutstillenden, wundheilenden, leicht bakteriostatischen Alpenwegerich wälzen, wenn Wölfe bei Darmstörungen Brennnesseln fressen und sich übergeben, wenn hoch-schwangere Elefantenkühe eine Baumrinde fressen, die geburtsfördernd wirkt, wenn südamerikanische Schafe sich über die Blätter des Boldostrauchs hermachen, dessen ätherisches Öl Leberparasiten tötet und dessen Alkaloide die Leber stimuliert, wenn Bären abführende Kräuter fressen, um nach dem Winterschlaf, ihren Stuhlgang wieder in Schwung zu bringen, wenn die kleinen roten Ameisen wilden Thymian auf ihre Bauten pflanzen, der diese gegen Pilz- und Bakterienbefall schützt.

Schimpansenforscher haben entdeckt, dass es bei den Menschenaffen eine regelrechte Kräuterapotheke gibt, dass sie zum Beispiel während der Regenzeit, wenn Darmparasiten zum Problem werden, ein bitteres Kraut als Wurmmittel suchen (Storl 2011:34). Auf der Grundlage von Pflanzenresten, die man bei Ausgrabungen von Früh-menschen (Homo erectus) fand, die vor fast 400 000 Jahren in Mitteldeutschland (Bilzingsleben) in der Zwischeneiszeit lebten, kann man vermuten, dass es auch da eine gut ausgeprägte Heilpflanzenkunde gegeben hat (Wolters 1999:80). Bei den Neandertalern ist das schon eindeutiger. Im kurdischen Irak wurde zum Beispiel ein Neandertaler gefunden, der, wie die Pollenanalyse ergab, auf Büscheln blühender Heilkräuter bestattet lag. Es waren alles Pflanzen, die noch heutzutage phytotherapeutisch eingesetzt werden (Pabst 2013:210). Das war vor 60 000 Jahren – das ist lange her, wenn man bedenkt, dass die Menschen erst vor rund 10 000 Jahren sesshaft wurden oder dass das ewige Rom vor 2500 Jahren gegründet wurde.

Die Steinzeitmenschen waren innig mit der Natur verbunden. Sie waren mit ihrer natürlichen Umgebung und den Jahreszeitrhythmen der-maßen verschmolzen, dass es sich der zivilisierte Mensch kaum mehr vorstellen kann. Das Sammeln von essbaren Wurzeln, Kräutern und Früchten, Beeren und Nüssen, auch das Nachpirschen dem jagdbaren Wild geschah in einem Zustand der ungeteilten Aufmerksamkeit. Die traditionellen Jäger-und-Sammler-Völker machen die Natur nicht zu einem äußeren Gegenstand, den es zu analysieren gilt. Sie erlangen ihre Erkenntnisse durch bedingungslose Einstimmung, durch das Eins-Werden mit den Pflanzen und Tieren. Dabei sind sie ganz still, stellen das ablenkende Geplapper unnötiger Gedanken ab. Das habe ich als Völkerkundler bei den Indianern immer wieder erleben können. Vor-rang hat das Wahrnehmen, das bewusste Da-Sein. Beim Denken ist man abgelenkt und nicht mit dem Hier-und-Jetzt verbunden. Das be-deutet natürlich nicht, dass die Eingeborenen nicht denken können. Sie können ausgezeichnet denken, aber sie tun es nur, wenn es angebracht ist.

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