„Mein Isl@m“ von Amir Ahmad Nasr (Rezension)

Rezension von Sonja Student

mein-islamAmir Nasr ist mit seinen 30 Jahren ein mutiger Sozial-Aktivist und aufrechter Wahrheitssucher. Seine persönliche Geschichte als Third-Culture-Kid und sein innerer Kampf um die Versöhnung von Aufklärung und spiritueller Tiefe sind zugleich ein Stück authentischer Zeitgeschichte, die nicht nur informiert, sondern tief berührt. Es ist eine Geschichte von Aufwachsen und Aufwachen auf der Suche nach dem goldenen Faden des eigenen Lebenssinns, eine packende Story vom Engagement für Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde und der Hingabe an das Große Geheimnis des Lebens selbst.

Geboren als afro-arabischer Muslim im Norden des Sudans zieht Amir früh mit seiner toleranten muslimischen Familie zunächst ins traditionell orientierte Katar, später ins moderne Malaysia. Amir ist ein gläubiges Kind mit frühen Erfahrungen religiöser Hingabe. Und er hat von Anfang an viele Fragen an sich selbst, an andere und an die Welt. Diese fragende Haltung und die Hingabe an das Göttliche ziehen sich als Muster durch seine Liebes- und Leidensgeschichte mit dem Islam. Mit zehn Jahren lehren ihn fundamentalistische Prediger, dass eigenes Fragen und Denken nicht gefragt sind, sondern allein blinder Glaube an einen islamistischen Jihad zählt. Drohungen mit der Hölle und vor grausamen Strafen schüren Angst und Misstrauen in der jungen Seele und entfremden von den eigenen Wahrnehmungen. Der Familienumzug ins multikulturelle Kuala Lumpur erweitern Amirs Perspektiven, der Mut zum eigenen Denken erwacht neu und bei einer Recherche im Internet taucht er in die Blogger-Sphäre ein: Im virtuellen Wunderland lernt er Menschenrechte, kontroverse Diskussionen um eine arabische Revolution, Frauenrechte, Religionsfreiheit und Freiheit von der Religion kennen. 2006 findet er als The Sudanese Thinker unter dem Pseudonym Drima seine eigene öffentliche Stimme.

Als Aktivistin für Kinderrechte und Demokratie finde ich die Beschreibung über seine Entdeckung der universellen Erklärung der Menschenrechte und der Bedeutung eines säkularen Staates als Bedingung der Verbindung von Freiheit und Religion sehr bewegend. Seine Konsequenz im aufgeklärten Denken, die Bereitschaft, alle Glaubenssätze in Frage zu stellen, führt zu einer »Affäre« mit dem Atheismus. Seine romantische kindliche Liebe zum Islam wird stückweise dekonstruiert und endet in Scheidung und Einsamkeit. Doch die geistige Befreiung ist nur der Anfang: Auch die Vernunft hat ihre Grenzen und kann nicht die »ganze Wahrheit über die Wirklichkeit« offenbaren. 2009 kommt Amir mit Ken Wilbers integraler Philosophie und einer evolutionären Spiritualität in Kontakt und wieder öffnet sich eine neue Welt. Vernunft und Spiritualität sind kein Gegensatz, sondern haben in einem großen Bild der Wirklichkeit Platz. Ich kann mich gut an meine eigene Erleichterung erinnern, als mir durch die integrale Philosophie die Versöhnung meines leidenschaftlichen aufklärerischen Impulses mit der Hingabe an eine tiefere Wirklichkeit offenbart wurde. Endlich eine Brücke zwischen Wissen und Weisheit!

Mit der integralen Versöhnung des Besten aus Tradition, Moderne und Postmoderne fällt Amir eine Last vom Herzen. Seine rationale Sperre, sich ganz dem Mysterium des Lebens hinzugeben, schmilzt, er entdeckt einen spirituellen Erfahrungsweg in allen mystischen Traditionen der Welt und fühlt sich besonders zum islamischen Weg der Sufis hingezogen. »Ich habe den Islam nicht wieder angenommen, sondern angenommen. Einmal. Bewusst. …Ich habe den Islam nicht angenommen, weil ich glaube, dass er ein Monopol auf spirituelle Wahrheit hat, sondern weil seine mystische Dichtung und seine Sprache mein Herz schöner rührt als die Sprache des Christentums und des Buddhismus. Die Sprache des Sufismus ist mir vertrauter.« Mit seinem tief gegründeten Engagement für den Arabischen Frühling wächst Amir seinem Lebenszweck entgegen. Er enthüllt seine wahre Identität hinter seinem Pseudonym und zeigt sein Gesicht. Politische und gesellschaftliche Rückschläge führen ihn ins politische Asyl nach Kanada. Sie fordern seine Widerstands- und Erneuerungsfähigkeit erneut heraus, sein grundsätzliches JA und seine Zuversicht: »Aber mit der Geschichte als unserem Anhaltspunkt, ist die Antwort, dass sich die Dinge langfristig sehr wahrscheinlich zum Besseren verändern.“

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