„Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur“ von Andreas Weber (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Connection. Rezension von Bobby Langer

»Wildlinge« hießen in meiner Jugend Kinder, die gerne im Freien herumtobten und von einer unbändigen Lust auf draußen beseelt waren, auf Spielen am Bach oder Weiher oder im Wald, die Krabbeltiere und Kuhstall mochten, Höhlen bauten, Banden bildeten und laut waren. Das Wort ist verschwunden, die Kinder auch. Weitgehend.

mehr matsch!An ihre Stelle getreten sind die »Sitzlinge«, eine Entwicklung, die zu denken gibt. Denn die Wildlinge lebten und entwickelten sich aus einem selbstverständlichen Kontakt zu ihrer Umgebung und waren Teil einer spielenden Gemeinschaft. Die Sitzlinge hingegen sind schon früh der Natur entfremdete Einzelwesen. Sie entwickeln ihr Menschsein in flacher Kommunikation mit Bildschirmen und Konsolen. Natur kennen sie überwiegend nur virtuell, anschauend statt erlebend, fern statt nah, Second-Hand-Natur. Und was sie nicht zu lieben gelernt haben, das werden sie auch nicht retten wollen.

In seinem Buch »Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur« bezieht der Philosoph und Biologie Andreas Weber eine entschlossene Gegenposition zu Sigmund Freuds bis heute nachhallender These, Kultur entstehe durch Sublimation von Emotionen und »niederen« Trieben. Das Kind sei ein zu formendes Wesen auf einer niedrigen Humanitätsstufe, »voyeuristisch, eifersüchtig, destruktiv, egoistisch und inzestuös«, eine Instinkt- oder Kognitionsmaschine oder auch eine mit Regeln und Pflichten zu beschreibende »weiße Seite«. Weber hält voll dagegen: »Schließen wir uns den Kindern an, so führen sie uns zur Poesie des Seins.«

Es ist die verständnis- und liebevolle Beobachtung seiner eigenen Kinder, die ihn zu diesem Schluss kommen lässt. Von Kindern, die matschen und toben und draußen sein dürfen und die deshalb, so folgert der Autor, ein gleichermaßen staunendes wie empathisches Verhältnis zur Welt entwickeln – sogar im modernen Berlin. »Im Leuchten-Blick der Kleinen ist die Wirklichkeit ein Wunder. Es ist diese Lektion, die ich von meinen eigenen Kindern neu gelernt habe, und die ich um nichts auf der Welt wieder vergessen will.« Kinder haben ein intuitives und inniges Verhältnis zu allem Lebendigen. Entdecken sie ein Tier, lassen die meisten Kleinen bis heute alle künstlichen Spielangebote links liegen und begeben sich in die rechte Hälfte ihres Gehirns. »Das Kind weiß insgeheim, dass die Welt ein lebender Organismus ist, mit sich selbst verwoben und verbunden… Es hat bei seiner Geburt von innen erfahren, wie sich aus dem Nichts ein bedeutungsvoller Kosmos entfaltete.«

Sache des Erwachsenen ist es, dem Kind diese wundervolle Erfahrung nicht auszutreiben, sondern ihm vielmehr beizustehen, ein tiefes Lebensverständnis zu entwickeln, ein Verständnis, bei dem der Körper das »Erfahrungsorgan« ist, »durch das die Welt eintritt«, durch den sich das Kind als Teil der Natur erkennt und sich so als erwachender Geist integriert und zivilisiert. Innere Bindung ist für das Kind die Muttermilch der Seele; andernfalls wird es psychisch anfällig und auffällig. Kinder sind »für die Heranbildung ihrer Eigenschaften auf Gegenseitigkeit angewiesen … Um ihr Ich zu erschaffen, brauchen sie ein Du. Kein Es, kein Etwas, sondern ein Du.« In seiner größten Vielfalt finden sie dieses Du in spielerischer Begegnung mit der wilden Natur und im Umgang mit Tieren: »Wer Lebendiges erfährt, erlebt Fühlen als Form.« Wir können die Welt nicht objektiv erleben, sondern nur von innen. »Kinder benötigen Natur als die Pforte zur Innenseite der Welt. Sie ist das Tor, das sie mit ihrer eigenen Herkunft verbindet, und das zugleich alle Entfaltungsmöglichkeiten ihrer eigenen, unbekannten Lebendigkeit bereithält.« Kinder, die so leben dürfen und im engen Kontakt und freien Spiel mit und in der Natur sich selbst erfahren und entfalten, entwickeln ein zuverlässiges Selbst-Verständnis. Denn sie fußen im Innersten auf der Grundlage allen Seins. So reifen sie durch vielfältig bezogenes Wachstum und zweckfreie Lebendigkeit. Ohne sich selbst als Teil des Lebens zu verstehen, »kann niemand im vollen Sinne lebendig und auch nicht im vollen Sinne human sein. Das scheinbar Paradoxe ist somit: Ohne die Natur fehlt uns auch die Fähigkeit zur Zivilisation.«

Andreas Webers Buch ist also viel mehr als sein Titel vorgibt: »Mehr Matsch!« – das klingt nach einer harmlosen Anleitung zum Buddeln, nach Urlaub auf dem Bauernhof. Tatsächlich holt Weber weit aus, integriert philosophische Exkurse mit neuen psychologischen Theorien und innovativen pädagogischen Ansätzen zu einer konstruktiven Kritik modernen Lebens und einem weltverbundenen Menschenbild, die »Entwicklung eigener Identität« nämlich »nicht auf Kosten der Lebendigkeit zu betreiben«. Er warnt eindringlich vor »Erlebnissen im Vollkasko-Modus«: »Kinder verkümmern, wenn man ihnen die Natur nimmt.«

Damit interessierte Eltern nicht bei dieser theoretischen Erkenntnis stehen und stecken bleiben, widmet Weber die letzten rund 30 Seiten seines Buches handfesten praktischen Vorschlägen an Eltern, Erzieher und Lehrer zu gangbaren Wegen zurück zu einer natürlicheren Kindheit. Wem die Seiten bis dahin den Geist geöffnet haben, der wird diese Ideen mit offenem Herzen aufnehmen. Denn wenn einerseits gilt, dass wir unseren Kindern eine lebenswerte Welt hinterlassen sollten, so ist auch richtig, dass eine gefährdete Welt lebendige Kinder braucht, die ihr als Erwachsene eines Tages gerne zur Hilfe eilen.

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