„Hilfe, unser Essen wird normiert!“ von Clemens G. Arvay (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Connection. Rezension von Rupert Neudeck

Ein aufregendes Buch, bei dem es im Wortsinn, nicht im übertragenen Sinn um unsere Existenz geht. Der österreichische Agrarbiologe Clemens G. Arvay hat die Folgen des Einsatzes von Hybridsaatgut erforscht auf sehr vielen Reisen, in denen er der Produktion der Nahrungsmittel immer wieder sehr nah war. Er hat Forscher aufgesucht, die ihm seine Ergebnisse bestätigen. Die Bäuerinnen und Bauern können mit diesem industriell gefertigten Hybridsaatgut kein eigenes Saatgut gewinnen, sie werden langsam von der Agrarindustrie abhängig.

Hilfe! Unser EssenDie fortwährende Anpassung der Sorten an sich ändernde Umweltbedingungen reißt einfach ab, nach Jahrtausenden. Dieses stellt eine gravierende Gefahr für die Ernährungssicherheit künftiger Generationen dar. Mit Klimawandel und Erdölknappheit drohen der Menschheit Hungersnöte.

Das sogenannte Hochleistungssaatgut kann nur unter standardisierten Bedingungen hohe Erträge abwerfen. Dazu ist massiver Einsatz fossiler Brennstoffe nötig, die in Zukunft nicht mehr im gleichen Maße zur Verfügung stehen werden. Viele Pflanzenkulturen werden nur noch in Gewächshäusern und oft sogar ohne Erde gepflegt: Chemikalien, Kunstdünger, Pestizide gehören damit zur modernen Pflanzenproduktion.

Wir verlieren die Vielfalt der Samen

Der Autor beharrt darauf, dass wir das Wissen und Können des Essenanbaus über Jahrhunderte und unzählige Generationen verlieren, wenn wir so weitermachen. Früher befanden sich Züchtung und Erhaltung von Sorten und Pflanzen in den bewährten Händen von Bäuerinnen und Bauern. Dabei habe sich ein immenser Fundus traditionellen Wissens und Könnens angesammelt. Durch das industrielle Hybridsaatgut wird dieser kulturelle Schatz aus unserer bäuerlichen Welt einfach weggeworfen.

Dazu kommt, dass zahlreiche Pflanzensorten mit langer Geschichte bereits verschwunden sind und noch viele weitere der Übermacht der Saatgutkonzerne geopfert werden. Das aber ist nicht nur kulturell, sondern auch ökologisch nicht zu rechtfertigen. Agrarkonzerne wie »Monsanto« sehen in den Lebensmitteln nicht ein globales Erbe der Menschheit. Nahrung und Lebensmittel sind reine Kommerzprodukte und werden zu Mitteln für immer höheren Profit reduziert.

Es gäbe, sagt der Autor, unterschiedliche Ansichten über die zukünftige Bedeutung alter Landsorten für die moderne Züchtung. Die eine sei die, wonach alte Sorten für die moderne Landwirtschaft keine Bedeutung mehr haben. Der britische Pflanzengenetiker Ben Gable, den das Buch ausführlich interviewt, bezeichnet diese Ansicht als »idiotisch«. Die zweite Ansicht wird von »immer mehr Biologen vertreten, die sagen, dass gerade die samenfesten Landsorten noch eine entscheidende Rolle spielen werden, wenn es darum gehen wird, den durch die Industrie schon produzierten Schaden an den genetischen Ressourcen unserer Kulturpflanzen wieder wettzumachen.«

Es sind Berichte aus der Arbeitswelt, die dem ahnungslosen Konsumenten und Esser den Appetit rauben. Wie die Tomaten werden auch die Gurken Reihe an Reihe auf der Betonfläche aufgestellt und füllen die riesige Produktionshalle. Auch hier fand der Autor »kein Krümelchen Erde. Die Pflanzen strecken ihre Wurzeln in das streng überwachte Substrat der Grow Bags«. Als der Autor das Gurkenlabor betrat, kam ihm unmittelbar ein beißender Geruch in die Nase. Die Saisonarbeiter schoben auf den Schienen einen Wagen hindurch. Das sind »Dimethomorph, Cyprodinil und Fludioxonil. Das sind drei Gifte. Dimethomorph ist eine Substanz, die in den Aufbau einer Zellwand von Pilzen schädigend eingreift. BASF warnt auf der Gebrauchsanweisung: Kann bei Verschlucken und Eindringen in die Atemwege tödlich sein. Cyprodinil war von dem Agrarchemiekonzern Syngenta geliefert. Diese Substanz ist umweltgefährlich. Für den Fall der Einatmung wird empfohlen: Führen sie die betroffene Person sofort an die frische Luft, wenn nötig sorgen sie für künstliche Beatmung.«

Das Buch lässt uns aber nicht ohnmächtig, es entlässt uns »widerspenstig ins dritte Jahrtausend« und sagt uns, was wir, die Konsumenten tun können, um gegen die Übermacht von Agrar- und Chemie-Industrie zu kämpfen. »Kochen sie selbst, so oft es möglich ist.« Bei Fertiglebensmitteln haben wir keinen Einfluss auf die Zusammensetzung der Inhaltsstoffe, auch nicht auf die Wahl der Pflanzensorten, die in den Nahrungsmitteln verarbeitet sind. Im Idealfall sollten wir Gemüse, Obst und Getreide beim Bauern kaufen, die samenfeste Sorten einsetzen. Verbraucher könnten sogar einen Bauern mit der Produktion alter Sortenspezialitäten beauftragen, die wir ihm dann verlässlich abkaufen. Solche Vorhaben, so schreibt der Autor aus seiner Erfahrung, lassen sich vor allem durch den Zusammenschluss kleinerer Firmen umsetzen. Der Autor bringt sich glaubwürdig auch immer selbst ins Spiel bei seinem Buch: Er persönlich habe sich entschieden, auf den Einkauf im Supermarkt und beim Discounter so weit wie möglich zu verzichten.

Schluss mit der Normierung von Lebensmitteln

Da es immer wieder darum geht, dass wir uns schuldbewusst sagen müssen, wie viel an Nahrungsmitteln wir wegwerfen, wobei parallel 2 Milliarden Menschen hungern, geht es auch um eine Praxis, die nicht weiter geduldet werden darf: Die Aussortierung von Obst und Gemüse, die der Norm nicht entspricht. Indem wir die Vielfalt der Farben und Formen wieder nachfragen und auf den Kauf der kosmetisch normierten Ware verzichten, setzten wir auch gegenüber den Bauern Signale. Der Autor erzählt von einer Möhrenernte, bei der es extrem knorrige und verwachsene Möhren gab. Das sei eine alte Sorte gewesen, die fast ausgestorben ist. Aber auch solche Möhren, die in einem extremen Sinn von der Norm abweichen, sind vollwertig. Die orangen Wurzeln schmeckten großartig, waren dick, saftig und außerordentlich süß.

Das EU-Parlament bekommt noch ein Lob, denn im Februar 2014 hat der Landwirtschaftsausschuss des Europäischen Parlamentes die EU Saatgutnovelle mit 37 gegen zwei Stimmen an die Behörde zurück überwiesen. Die Kommission muss jetzt einen ganz neuen Entwurf vorlegen. Das Buch lebt davon, dass der Autor nicht nur Wissenschaftler ist, sondern seine Überzeugungen lebt. Er kann von seinen Reisen und eigenen Erlebnissen erzählen und wirkt glaubwürdig. Man wird sich als Leser gern einigen dieser Imperative und Mahnungen anschließen wollen.

Die populäre TV-Köchin Sarah Wiener schreibt in ihrem engagierten Vorwort: »Eine Tomate aus niederländischen oder spanischen Gewächshäusern hat nichts mehr zu tun mit den unzähligen schmackhaften sonnengereiften Tomaten, wie sie früher in unseren Gärten wuchsen«. Das war noch der höchste Genuss, in Tomatenrot zu beißen. All das sei Vergangenheit. »Wir verlieren nach und nach unser Menschenrechte: Die Vielfalt unserer Samen!«

Sie können dieses Buch direkt bei SEINSWELTEN.DE bestellen! Ohne Versandkosten und auf Wunsch auch auf Rechnung!

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*