„Herzensqualitäten“ von Hanspeter Ruch (Rezension)

Ein Buchtipp in Zusammenarbeit mit Spuren. Rezension von Claude Jaermann

herzensqualitätenDer Winterthurer Psychotherapeut Hanspeter Ruch legt mit «Herzensqualitäten – vom Machen zum Sein» (Verlag Via Nova, Petersberg 2015) ein leidenschaftliches Plädoyer für eine neue Lebensausrichtung vor. In einer von Rast- und Ruhelosigkeit geprägten Welt entfernen sich immer mehr Menschen von ihrer Mitte und stressen von Erschöpfung zu Burnout bis hin in eine Depression. In diesem aufrüttelnden Praxisbuch zeigt der Autor anhand vieler Fallbeispiele, wie ein umfassender Wandel vonstatten gehen kann und wie das Aktivitäten-Karussell aufhört zu drehen und der Kopf wieder frei wird. Das Herz ist unsere Heimat, so das Credo von Ruch, dessen therapeutischer Ansatz weit über die Schulmedizin hinausreicht. In einfachen aber eindringlichen Worten macht dieses Buch Mut, dank einfachen und wirkungsvollen Übungen kann es zum hilfreichen Begleiter werden.

 

Eine Leseprobe aus: «Herzensqualitäten» von Hanspeter Ruch

Zurück zur Quelle

Wenn wir ein Leben in Frieden, Glück und Freiheit führen möchten, müssen wir uns neu ausrichten und den Weg aus dem Kopf zurück zur inneren Heimat, dem Herzen, gehen. Auf dieser Selbstentdeckungsreise sind wir auf eine klare Sicht und eine stabile Haltung angewiesen. Wir brauchen Qualitäten wie Geduld, Standfestigkeit, Kraft, Offenheit, Mitgefühl, Vertrauen und Hingabe. Um uns zu orientieren und auf Kurs zu bleiben, gilt es zudem, drei grundlegende Punkte zu beachten und zu verstehen: Bewusstsein, Erscheinungen und Quelle. Nachstehend werden diese einzeln erläutert und wird der Zusammenhang, der zwischen ihnen besteht, aufgezeigt.

Bewusstsein

Bewusstsein ist alles und beinhaltet alles. Bewusstsein ist Energie in Bewegung, aber auch Energie in Ruhe. Zum Bewusstsein gehört alles, was wir kennen und uns vertraut ist, wie die Gedanken, Gefühle, Empfindungen und Stimmungen, die wir tagaus, tagein erleben, aber auch das, was wir mit unseren Sinnen nicht wahrnehmen können und für uns im Verborgenen liegt. Auch unsere Erwartungen, Wünsche und Hoffnungen, Konzepte, Muster und Vorstellungen gehören zum und sind Bewusstsein. Der denkende Geist, die innere Instanz, die ständig spricht, alles kommentiert, alles bewertet und uns nonstop auf Trab hält, ist ebenfalls Bewusstsein.

Ein Merkmal des Bewusstseins ist, dass es sich ständig verändert und nie gleich ist. Es manifestiert sich auf die unterschiedlichsten Weisen und nimmt immer wieder neue Formen an. Das Bewusstsein kann wild und stürmisch, schwer und leicht, zäh und stockend, friedlich und sanft, leicht und hell, zart und fein sein. Obwohl wir das Bewusstsein wahrnehmen und mit Worten beschreiben können, kriegen wir es, da es Energie ist, dennoch nicht zu fassen. Wenn wir uns für das Bewusstsein sensibilisieren und dieses ergründen, werden wir mit seiner Natur vertraut. Dabei machen wir eine wichtige Entdeckung: Das Bewusstsein wird feiner, klarer und strahlender. Und wenn wir nichts tun und einfach nur sind, erleben wir das Bewusstsein in seiner ursprünglichen, reinen Form als Liebe oder Sein.

14. ERKENNTIS: ALLES IST BEWUSSTSEIN.

Bedingt durch den vollen Kopf und die vom denkenden Geist getrübte Sichtweise sind wir mit Fragmenten des Bewusstseins in Kontakt, jedoch nicht mit seiner reinen Form, dem Sein. Wir erleben Teilaspekte des Bewusstseins wie Gedanken, Gefühle, Empfindungen und Stimmungen, auf die wir entsprechend unseren Vorlieben und Abneigungen reagieren. Wir haben Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen, an die wir uns halten und die uns leiten. Wie sehr wir auch versuchen, einen Zusammenhang oder tieferen Sinn in den zahllosen Erscheinungen, die das Bewusstsein ständig hervorbringt, zu erkennen und das, was diese in uns auslösen, in den Griff zu bekommen, es will uns einfach nicht gelingen.

Um aus den geistigen Irrungen und emotionalen Wirrungen auszusteigen und klar sehen zu können, müssen wir uns neu ausrichten und das Bewusstsein ergründen. Wenn wir die Aufmerksamkeit nach innen richten und mit seinem Wesen vertraut werden, nehmen die Erscheinungen, die pausenlos kommen und gehen, ab. Der denkende Geist verliert an Macht und sein Einfluss schwindet. Der geistige Nebel, Folge des vielen Denkens und der inneren Unruhe, lichtet sich und das emotionale Durcheinander legt sich. Der Kopf wird frei und Ruhe kehrt ein. Von den Gedanken, Problemen und Dramen losgelöst und mit einer offenen, klaren Sicht sind wir in der Lage, uns noch tiefer einzulassen und wir können sowohl die feinen und subtilen Aspekte des Bewusstseins wahrnehmen wie auch seine ursprüngliche Form, das Sein, erkennen.

Erscheinungen

Da alles Bewusstsein ist, sind auch Erscheinungen wie Gedanken, Gefühle, Empfindungen und Stimmungen Bewusstsein. Erscheinungen sind nicht, wie wir dies fälschlicherweise annehmen, unabhängige Vorkommnisse, die aus sich selber heraus existieren und ein Eigenleben führen. Erscheinungen sind der Ausdruck und die Manifestationen des sich ständig wandelnden Bewusstseins. Auf dem Weg vom Kopf ins Herz spielen diese eine zentrale Rolle. Vergleichbar mit Wegweisern, denen wir immer wieder begegnen, leiten sie uns an und zeigen uns die Richtung auf, in die wir zu gehen haben. Wenn wir, anstatt auf die Erscheinungen einzusteigen, uns in sie zu verstricken und uns zu verlieren, untersuchen, was sie wirklich sind und woher sie kommen, können wir ihnen bis zu ihrem Ursprung folgen und den Weg zurück zum Herzen, dem reinen Bewusstsein, gehen. Ohne Erscheinungen gäbe es für uns keinen Hinweis auf und keinen Anhaltspunkt für dessen Existenz und es wäre für uns nicht möglich, das Sein zu entdecken und in dieses abzusinken.

ERKENNNTIS: ERSCHEINUNGEN SIND WEGWEISER.

Damit wir die Erscheinungen als Wegweiser nutzen und zurück zur Quelle gehen können, müssen wir wach und achtsam sein. Wir brauchen einen freien Kopf und ein messerscharfes Gewahrsein. Wir müssen alles, was wir tagaus, tagein erleben und wahrnehmen, annehmen und würdigen, wie es ist. Wenn wir an den Erscheinungen festhalten, diese zurückweisen oder bekämpfen, halten wir am Bewusstsein fest, weisen dieses zurück oder bekämpfen es. Wenn wir dies tun, was wir, bedingt durch unsere Lebensweise, gewohnheitsmäßig meistens machen, hat dies einschneidende Konsequenzen. Das Bewusstsein, das Pulsieren und die Ruhe der Energie, wird beeinträchtigt und sein Ausdruck behindert. Störungen entstehen und Spannungen bauen sich auf. Der denkende Geist wird wild und unkontrollierbar. Der Kopf ist übervoll und die Verwirrung groß. Die Sicht ist vernebelt und der Blick eng. Wir sind durcheinander und bleiben in den geistigen Irrungen und emotionalen Wirrungen stecken. Wir fallen aus der Mitte und verlieren den Halt und die Orientierung im Leben. Was ganz entscheidend ist, wir wissen nicht mehr, wer wir sind, ganz zu schweigen davon, wo unsere wahre Heimat liegt. Und ohne innere Heimat sind wir nicht nur verletzlich und verwundbar, sondern es gelingt uns trotz großem Aufwand nicht, zur Ruhe zu kommen und ein Leben in Glück, Frieden und Freiheit zu führen.

Quelle

Wo es Erscheinungen gibt, muss eine Quelle vorhanden sein, welche die Erscheinungen hervorbringt. Die Quelle, aus der alles entspringt und die alles Leben ermöglicht, ist das Herz. Das Herz, von dem wir hier sprechen, darf nicht mit dem anatomischen Organ verwechselt werden, das sich auf der linken Seite in unserer Brust befindet und den Körper mit Blut versorgt. Das Herz, und dies ist das, was der denkende Geist weder verstehen noch nachvollziehen kann, ist kein Gegenstand, den wir fassen oder greifen können. Das Herz ist auch nichts Romantisches, Abgehobenes oder Esoterisches. Das Herz ist der Ursprung des Bewusstseins und der Grund des Daseins. Das Herz ist unsere Heimat und unsere Bestimmung. Das Herz, und dies ist das Paradoxe, existiert, doch es kann weder gesucht noch gefunden werden, denn wir sind das Herz. Da wir das Herz sind, ist es uns so nahe und so vertraut, dass wir es übersehen.

ERKENNTNIS: DAS HERZ IST SOWOHL GRUND WIE AUCH QUELLE.

Uns allen ist vage bewusst, dass es etwas geben muss, dass sich hinter allem verbirgt, durch unseren Körper wirkt, das Leben aufrechterhält und größer ist als wir. Dieses Etwas wird entsprechend der persönlichen Überzeugung und dem religiösen Glauben mit unterschiedlichen Namen versehen, wie „Seele“, „Großer Geist“, „Höheres Selbst“, „Göttliche“ oder „Uressenz“. Wenn es uns ernst ist mit dem Herzen und wir den Weg zurück zur Quelle gehen möchten, müssen wir alle Erwartungen, Konzepte und Vorstellungen loslassen und das Tun und Machen auf die Seite legen. Wir müssen still werden, nach innen lauschen und in das, was ist, in den Grund des Bewusstseins, absinken. Wenn wir dranbleiben, uns immer wieder von Neuem einlassen, ohne an etwas festzuhalten, offenbart sich uns das, was mit dem Wort Herz gemeint ist und was wir letztendlich sind, das Sein.

Wenn wir uns ans Herz halten und den Weg zurück zur Quelle gehen, tritt ein radikaler Wandel ein, der das ganze Dasein erfasst. Da nicht mehr der denkende Geist im Zentrum steht und über unser Leben bestimmt, lässt das Grübeln, Zweifeln und Hadern nach. Die Selbstgespräche hören auf und der Kopf leert sich. Die Sicht wird klar und der Blick weit. Ruhe und Stille kehren ein. Der Prozess der inneren Befreiung und Selbsterkenntnis schreitet dabei ganz natürlich immer weiter voran. Alles, woran wir festgehalten haben, womit wir uns identifizierten und was wir glaubten aufrechterhalten zu müssen, beginnt abzufallen und sich im Bewusstsein aufzulösen. Während wir zur Kenntnis nehmen, wie es in uns offener und weiter wird und der innere Raum sich immer mehr ausdehnt, sind wir Zeuge, wie das Bewusstsein reiner und klarer wird, das Herz hervortritt und seine ganze Strahlkraft sich entfaltet. Im Herzen zu Hause ist der Frieden, das Glück und die Freiheit grenzenlos und gibt es nichts außer Sein.

DIE UMSETZUNG

Auf dem Weg vom Kopf ins Herz werden wir herausgefordert, getestet und wieder und wieder auf die Probe gestellt. Wir begegnen allem, was zum Bewusstsein gehört und dieses beinhaltet. Wir werden mit jedem Teil und allen seinen Aspekten konfrontiert. Wir begegnen bekannten und unbekannten Seiten. Wir erfahren helle und leichte, dunkle und schwere Zustände. Wir haben lustige und erhabene, aber auch deprimierende und verrückte Gedanken. Wir gehen durch Hochs und Tiefs und erfahren schöne und erfreuliche, hässliche und destruktive Gefühle. Wir erleben Störungen und stoßen auf hartnäckige Widerstände. Wir haben Mühe, loszulassen und geraten in eine Selbstverkrampfung. Manchmal bauen sich im Körper unglaubliche Spannungen auf und plötzlich tauchen unerklärliche Symptome auf. Dann wieder fällt alles Negative und Schwere ab. Wir fühlen uns leicht, frei und sind glücklich.

Auf dem Weg vom Kopf ins Herz können wir keinem Teil ausweichen und keinen Aspekt ausblenden. Es gibt keine Abkürzungen, die wir nehmen und keine Strategien oder Techniken, die wir einsetzen können. Wir können nichts machen und nichts tun. Es gibt nur uns und das Bewusstsein, welches sich uns in allen seinen Tiefen und Facetten zeigt und welches wir, wollen wir zur Quelle zurückgehen, willkommen heißen und annehmen müssen, so wie es ist. Das Annehmen und Nichtstun ist für uns, die wir ständig aktiv, nonstop in Bewegung und äußerst ruhelos sind, das Schwierigste und die größte Herausforderung.

Auf dem Weg vom Kopf ins Herz gibt es zwei typische Phasen, die sich wiederholen und die zu kennen wichtig sind. Wir richten unsere Aufmerksamkeit nach innen und ergründen das Bewusstsein. Wir werden mit diesem mehr vertraut und ein Teil, an dem wir festgehalten haben und den wir nun annehmen, fällt ab. Der innere Raum wird weiter und wir dehnen uns aus. Dann geht nichts mehr. Alles scheint still zu stehen. Dann fällt ein weiterer Teil ab. Es wird noch weiter und wir haben noch mehr Platz. Dann geht wieder nichts mehr. Vergleichbar einer Zwiebel, die geschält wird, fällt Schicht um Schicht ab, bis außer dem Bewusstsein in seiner reinen Form, dem Sein, nichts anderes mehr übrig bleibt.

Der Weg vom Kopf ins Herz ist nicht geradlinig und nicht bestimmbar. Wir wissen nie, was kommt und was uns als Nächstes erwartet. Der Weg ist voller Überraschungen und gespickt mit Tücken. Damit wir uns einlassen und auf Kurs bleiben können, brauchen wir eine stabile Haltung und klare Sicht. Wir benötigen ganz bestimmte Qualitäten und ein fundiertes Wissen vom Bewusstsein. Nachstehend werden diese Punkte einzeln dargelegt und es wird auf spezielle Probleme und bestimmte Phänomene hingewiesen.

Haltung

Standfestigkeit: Wir müssen standfest und unerschütterlich sein wie ein Berg, dem kein Wetter etwas anhaben kann, der allen Stürmen trotzt und allen Widrigkeiten widersteht. Wir brauchen Mut, eine große Portion Unerschrockenheit und müssen sicher in uns ruhen. Diese Haltung ermöglicht uns, dranzubleiben, das, was wir erleben, anzunehmen und das, was uns begegnet, willkommen zu heißen

– Sicht

Klare Sicht, weiter Blick: Die Sicht muss klar und präzise, der Blick offen und uneingeschränkt sein, vergleichbar dem grenzenlosen Himmel. Wir benötigen viel Achtsamkeit und müssen über ein messerscharfes Gewahrsein verfügen. Diese Sicht hilft uns, alles Diffuse, Graue und Nebulöse aufzulösen, Klarheit zu schaffen und die innere Wahrheit, das Sein, zu erkennen.

– Qualitäten

Geduld, Kraft, Mitgefühl, Offenheit, Vertrauen und Hingabe: Auf diese verschiedenen, grundlegenden Qualitäten sind wir angewiesen. Sollte eine oder sollten mehrere fehlen oder schwach sein, ist es notwendig und wichtig, dass wir diese entwickeln und aufbauen. Diese Qualitäten unterstützen uns darin, entspannt zu sein, offen zu bleiben, Störungen aufzulösen, Hindernisse auszuräumen und den Weg weiterzugehen.

– Wissen

Bewusstsein, Erscheinungen und Quelle: Diese Punkte wurden weiter oben bereits beschrieben.

– Ausrichtung

Herz: Die Aufmerksamkeit muss weg von den Dingen der Außenwelt nach innen, auf die Quelle, das Herz, gerichtet sein. Das, was für uns das Herz repräsentiert, stellen wir dabei ins Zentrum und halten uns an dieses. Diese Ausrichtung gibt uns eine klare Orientierung, festigt den Bezug zur Quelle und bringt uns dem Herzen näher.

– Nichtstun

Keine Tätigkeit: Nichtstun ist der Schlüssel. Nichtstun ermöglicht uns, das Eingreifen und Festhalten aufzugeben, hartnäckige Widerstände abzulegen und subtile Grenzen zu überschreiten. Tiefsitzende Verkrampfungen, an die wir uns gewöhnt haben und die wir normalerweise gar nicht wahrnehmen, lösen sich auf. Von der Energie, die ungehindert fließt, getragen, gelingt es uns, mehr und mehr los- und uns tiefer und tiefer einzulassen.

– Hingabe

Dein und nicht mein Wille geschehe: Bei „Mein Wille geschehe“ steht das Ego oder der denkende Geist im Zentrum. Er hat die Kontrolle, er entscheidet und er will über das Leben bestimmen. Was immer wir tun, wir stehen unter seinem Einfluss und können die konzeptuelle Welt, die er schafft, nicht verlassen. „Dein Wille geschehe“ bedeutet, dass wir alles Machen und Tun ablegen, über den denkenden Geist hinausgehen und das Leben in die Hände des Herzens legen.

Spielerisch und humorvoll sein und dranbleiben

Um den Weg vom Kopf ins Herz gehen zu können, ist es wichtig, dass wir spielerisch und humorvoll sind, keinen Druck ausüben und die oben beschriebenen Punkte im Alltag üben. Wenn etwas nicht klappt, wir anstoßen oder stecken bleiben, sind wir nachsichtig und großzügig mit uns selber. Da wir wissen, dass alle Schwierigkeiten und alle Hindernisse Tests sind, die zum Weg gehören, lassen wir uns nicht entmutigen und gehen vertrauensvoll weiter. Dabei sind wir flexibel und bleiben beweglich. Wir verschieben die Perspektive, öffnen den Blick und lassen uns wieder und wieder ein. Wenn wir auf diese Weise vorgehen, verliert die alte und uns vertraute Lebensweise, bei welcher der denkende Geist das Sagen hatte und es um Festhalten und Kontrolle geht, an Macht und Einfluss. Das neue Verständnis, das sich an der Quelle orientiert, wird durch das regelmäßige Üben fester und verinnerlicht sich. Unterstützt durch die sich vertiefenden Sicht und die Haltung, die stabiler wird, kommen wir der Quelle immer näher, bis wir erkennen, wer wir wirklich sind.

Übung:

Setze dich auf einen Stuhl oder mache es dir auf einer festen Unterlage bequem. Danach atme einige Male ein und aus und entspanne, wie an anderer Stelle beschrieben. Richte deine Aufmerksamkeit nach innen und betrachte alle Gedanken, Gefühle, Empfindungen und Stimmungen als vergängliche, substanzlose Erscheinungen, vergleichbar den Wolken am Himmel oder Wellen auf dem Meer, die vorüberziehen und sich von selber wieder auflösen. Während du das Kommen und Gehen der Erscheinungen beobachtest, ergründe, woher sie aufsteigen und was ihr Ursprung ist. Ohne etwas zu erwarten und ohne an etwas festzuhalten, lasse dich tiefer und tiefer auf das Bewusstsein, auf das, was ist, ein, bis du zum Grund, zur Quelle von allem, vorgedrungen bist.

Stelle während des Tages das, was für dich das Herz repräsentiert, ins Zentrum. Richte dich immer wieder auf dieses aus. Bleib mit der Achtsamkeit auf dieses bezogen. Tue dies ganz humorvoll und spielerisch. Tue dies wieder und wieder. Tue dies so lange, bis die Quelle deine Heimat geworden ist und du und das Herz eins sind.

Was ist wahr?

Eine weitere einfache, sehr wirksame und wertvolle Übung, die wir während des Tages ausführen können und die uns hilft, auf dem Weg zu bleiben und uns an die Quelle zu halten, beginnt mit der Frage: „Was ist wahr?“ Nachdem wir uns dies gefragt haben, entspannen wir uns und lassen alles los. Wir machen nichts, suchen nichts, wünschen nichts und erwarten nichts. Wir werden still und lauschen nach innen. Wir sind einfach mit dem, was ist. Wenn es im Kopf wieder zu arbeiten beginnt, stellen wir uns die Frage erneut. Wir entspannen uns, lassen los, werden still und lauschen nach innen. Bei dieser Übung geht es nicht darum, eine bestimmte Antwort zu erhalten. Jede Antwort, die umgehend kommt, und sei diese noch so clever, entspringt dem denkende Geist und dieser kann, wie wir gesehen haben, die Wahrheit, das, was ist, nicht erfassen. Mit der Frage „Was ist wahr?“ gehen wir über den denkenden Geist hinaus, sensibilisieren uns für das, was sich dahinter befindet und treten in Kontakt mit dem, was allem zu Grunde liegt, dem Herzen.

Tapas: innere Hitze

Wenn wir die Quelle ins Zentrum rücken und uns auf diese ausrichten, steigt die Energie an. Der Anstieg der Energie bewirkt, dass alles, woran wir festhalten und womit wir uns identifizieren, hervortritt und sichtbar wird. Die Widerstände nehmen zu, die Muster werden deutlicher und das Anhaften wird größer. An der Stelle, wo die Energie auf ein Hindernis trifft und gebremst wird, entsteht Reibung und entwickelt sich Hitze. Die Hitze breitet sich im Körper aus und kann sehr intensiv werden. Sie kann Störungen verursachen und zum Entstehen von Symptome führen. Dabei spielt der denkende Geist absolut verrückt und man erlebt äußerst unangenehme Zustände. Das Ganze ist ein Reinigungsprozess, der alles Negative, Störende und Behindernde verbrennt. Die innere Hitze, die Tapas genannt wird, wurde verschiedentlich in spirituellen Schriften beschrieben und gehört zum Weg. Selber erlebte ich diese Hitze bei meiner dritten Indienreise, als ich mich in einem Ashram aufhielt. Die Hitze kam urplötzlich und wurde derart stark, dass ich glaubte, an Malaria erkrankt zu sein, und befürchtete, sterben zu müssen. So schnell wie die Hitze kam, so schnell verschwand sie auch wieder. Danach fühlte ich mich gereinigt, sehr klar und ganz leicht.

Die Wand

Ein weiteres Phänomen, das mit der Ausrichtung auf das Herz, dem Anstieg der Energie und der zunehmenden Klarheit einhergeht, ist die „Wand“. Plötzlich und unverhofft stoßen wir auf subtile, unsichtbare Grenzen, die sich weder auflösen noch überwinden lassen. In und um uns herum wird es eng. Wir fühlen uns eingesperrt und gefangen. Wir können uns nicht bewegen, weder vorwärts noch rückwärts. Es gibt keinen Aus- und keinen Fluchtweg. Wir können kämpfen, uns wehren, uns ruhig verhalten oder totstellen, die Wand bewegt sich keinen Millimeter. Auge in Auge mit der Wand und ohne Möglichkeit, uns aus der Enge zu befreien, geraten wir in große Not und befürchten das Schlimmste. Wir werden von bedrohlichen Gedanken bedrängt und intensiven Gefühlen überrollt. Wir erleben Angst und Panik. Die Begegnung mit der Wand stellt eine große Herausforderung dar, denn der denkende Geist ist der Überzeugung, dies sei der Untergang und das sichere Ende. Doch die Wand ist weder fest, noch unüberwindbar, noch das Ende. Sie löst sich auf, wenn wir alles loslassen, nichts tun und uns ganz der Quelle, dem Herzen, hingeben. Statt dranzubleiben, noch genauer hinzuschauen und alles, jede Hoffnung, jeden Wunsch, jede Tätigkeit und jede Strategie abzulegen, geben viele spirituelle Suchende an diesem entscheidenden Punkt auf. Mit den Machenschaften und dem Wesen des denkenden Geistes unvertraut, glauben sie, das Hindernis sei unüberwindbar. Sie erkennen nicht, dass dies nur ein weiterer, sehr subtiler und äußerst anspruchsvoller Test auf dem Weg vom Kopf ins Herz ist.

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