Heilung mit der Kraft des Medizinkreises – Monika Herz

Rituale_TextEs gibt einfache Rituale wie das Händeschütteln zur Begrüßung. Es gibt gemeinschaftliche Rituale, die die Beziehungen zwischen den Menschen stärken und biografische Übergänge zu gestalten helfen – etwas Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Schließlich gibt es ganz individuelle Rituale, die helfen, die Beziehung des Einzelnen zum Göttlichen zu festigen. Wir fühlen uns mit ihrer Hilfe nicht mehr allein, sondern eingebunden in etwas Größeres, umgeben und durchdrungen von den Kräften der vier Elemente, der Himmelsrichtungen und der Jahreszeiten. An diesen elementaren Kräften kann die Seele gesunden, die durch die Anforderungen der modernen Welt oft ganz konfus geworden ist. Symbol dieser rituellen Heilarbeit ist der Medizinkreis, der alles Bestehende in vier Urprinzipien unterteilt. „Alpenschamanin“ Monika Herz berichtet aus reichhaltiger Lebenserfahrung.

Von Monika Herz


Rituale haben mich mein ganzes Leben lang begleitet. Einer meiner ersten Lehrer war der einheimische Heiler Georg Lory aus Peißenberg. Er lehrte mich durch einfache Rituale mit der Natur in Kontakt zu treten und die Jahreszeiten, die Tageszeiten oder die Mondrhythmen zu beachten. Später traf ich Schamanen, wie etwa den Indianer Brave Buffalo (Tapferer Büffel). Bei ihm lernte ich dann vor 30 Jahren das Heilige Medizinrad, den Medizinkreis kennen. Ich begann, das Erlernte anzuwenden und erforschte teils allein, teils im Freundeskreis die Wirkung von Ritualen. Sowohl Georg Lory als auch Brave Buffalo leben nicht mehr, und ich freue mich, dass ich den Samen, den die beiden in mich gelegt haben, jetzt weiterstreuen darf.

Der Medizinkreis ist ein zweidimensionales symbolisches Zeichen für die Wirklichkeit. Er besteht aus einem gleichmäßigen Kreuz in der Mitte und einem Kreis drum herum. Der Kreis ist ein Symbol für das archetypisch Weibliche, für das Umfassende, Umschließende und Beschützende sowie für die Unendlichkeit. Das Kreuz, mit seinen zwei Linien ist ein Symbol für das archetypisch Männliche, für das Vorwärtsstreben auf ein Ziel hin, für das Ordnende, aber auch für das Trennende und Aufteilende. Beide Kräfte ergänzen einander – oder sollten dies im Idealfall tun. Denn wenn wir unsere Wirklichkeit anschauen, scheint das archetypisch Männliche übermächtig zu sein.


Ein universelles Symbol

Mit dem Kreuz wird der Kreis in vier Teile geteilt. Brave Buffalo betonte damals besonders, wie heilig den Indianern dieses Symbol sei, denn es zeigt eine wunderbare Ordnung der Welt. Wir finden Orientierung im Raum durch die vier Himmelsrichtungen. Die Orientierung in der Zeit geben uns die vier Jahreszeiten, die vier Tageszeiten und die vier Mondphasen. Je mehr wir uns mit dem Medizinkreis beschäftigen, desto mehr erspüren wir eine einfache und doch sehr weise Philosophie. Das Symbol hat interkulturelle Bedeutung, es findet sich überall auf der Welt, zum Beispiel auch in den tibetischen Mandalas oder in der christlichen Monstranz. Im tibetischen Buddhismus werden die Ur-Buddhas den vier Himmelsrichtungen zugeordnet, in der christlichen Monstranz befindet sich in der Mitte „das Allerheiligste“. Es lohnt sich sehr, über dieses Symbol nachzudenken, gerade auch über die Mitte. Der Punkt, wo sich die Linien kreuzen, ist zugleich das Tor in eine neue Dimension.

Alle Rituale, die ich durchführe, basieren auf einem Grundritual. Wir begeben uns dazu am besten in die Natur und beginnen, indem wir im Uhrzeigersinn einen Kreis um uns herum ziehen. Wir können dies mit einer Linie tun, die wir mit einem Stock in den Sand ziehen, oder auch mit Dinkelkörnern, die wir im Kreis verstreuen. Anschließend laden wir die vier Kräfte und die Kraft der Mitte ein. Durch die Einladung der Kräfte im Norden, Süden, Osten und Westen ziehen wir symbolisch ein Kreuz in der Mitte des Kreises. Damit erschaffen wir ein heiliges, heilsames Feld. Es ist dadurch möglich, sehr tiefe spirituelle Erfahrungen zu machen. Nach der Erschaffung des Medizinkreises führen wir die speziellen Übungen durch, wie ich sie in meinem neuen Buch „Alte Heilrituale“ beschrieben habe. Am Ende lösen wir das heilsame Feld, quasi unseren Operationsraum, wieder auf und vergessen nicht, uns zu bedanken.


Die Kraft der vier Elemente

Nach meiner Erfahrung wirken im Medizinkreis die Urkräfte des Universums. Sie besitzen einen „Geist“, den wir mit unserem eigenen kleinen Geist nach und nach erfassen und aufnehmen können. Dadurch geschieht Bewusstseinserweiterung – wir gehen in Resonanz zu etwas Größerem. Schließlich bestehen wir selbst aus den vier Kräften Wasser, Erde, Luft und Feuer. Wasser und Erde sind offensichtlich in unserem Körper vorhanden, mit der Luft treten wir durch die Atmung in Austausch, und das Feuer repräsentiert die durch Nahrungsaufnahme erzeugte Verbrennungsenergie, ohne die wir nicht leben könnten. Die vier Himmelsrichtungen können den vier Elementen zugeordnet werden. Auch andere Zuordnungen sind möglich, etwa zu den Alterstufen, den Jahreszeiten und bestimmten Krafttieren. Am besten lässt sich dies in Form einer Tabelle darstellen.


Himmelsrichtung    Element    Jahreszeit    Lebensalter    Krafttier    Erzengel

Osten    Luft    Frühling    Kindheit    Adler    Uriel

Süden    Feuer    Sommer    Jugend        Wolf    Michael

Westen    Wasser        Herbst    Erwachsenenalter    Bär    Raphael

Norden    Erde    Winter    Alter    Büffel    Gabriel

Bei dieser Art von Heilarbeit geht es um ein tiefes Verstehen unseres Daseins als Mensch auf diesem schönen Planeten. Wir sind immer wieder mit verschiedenen Leiden konfrontiert und wollen diese beseitigen oder lindern. Am liebsten möchten wir vollkommen gesunde und glückliche Wesen sein. Auf dem Weg dorthin können wir mit Hilfe von Ritualen und Herzensgebeten große Fortschritte machen. Beim geistigen Heilen gehen wir davon aus, dass jede Art von Leiden, sei es körperlich oder seelisch-geistig, ihre Ursache im Geist hat. Deshalb versuchen wir zunächst, diesen zu heilen. Wenn das gelingt, Schritt für Schritt, ist das Resultat, dass sich das Leiden zurückbildet.


Verbundenheit wiederherstellen

Heilarbeit im Medizinkreis funktioniert nicht auf plumpe Art, nach dem Motto „Ich mache jetzt ein Ritual gegen Blasenentzündung“ oder „Wenn ich pleite bin, mache ich ein Geld-Ritual“. Es kann natürlich passieren, dass nach einen Ritual auf einmal der Herzenspartner auftaucht, oder dass sich eine Entzündung schnell zurückbildet. Aber dafür gibt es keine Garantie, und die Zusammenhänge im Heilungsprozess sind meist nicht ganz so einfach. Mir geht es mehr darum, dass wir mit Hilfe der Rituale allmählich eine wirklich tiefe Verbundenheit als Einzelwesen mit allem, was uns umgibt, erkennen. Wir erleben eine tiefe Verbundenheit mit der Natur, mit den vier Winden, den vier Elementen usw. Wenn jemandem diese Einstellung ganz fremd ist und auch gar keine Neigung besteht, sich wirklich respektvoll den geistigen Kräften zu nähern, dann möchte ich davon abraten, meine Rituale auszuprobieren.

Rituale im Medizinkreis sind keine Glaubensvorstellung im herkömmlichen Sinn, vor allem haben sie nichts mit organisierter Religion zu tun. Was wir allerdings mitbringen sollten, ist der Glaube daran, dass es Kräfte gibt, die stärker sind als wir. Für mich fühlt es sich so an, als würde ich mich, bildlich gesprochen, in der Hand dieser großen Kräfte befinden. Wenn ich in gutem Kontakt mit ihnen bin, dann fühle ich mich beschützt und getragen. Ist dieser Kontakt gestört oder war nie vorhanden, dann fühle ich mich ausgeliefert.


Übergänge bewusst gestalten

Mit Ausnahme des Visionssuche-Rituals habe ich alle Rituale, die ich mir angeeignet habe, allein durchgeführt. Die Unterstützung „meiner“ Schamanen bestand darin, dass sie mir Tipps gegeben haben, die ich dann später für mich umsetzte. Ein kanadischer Schamane sagte einmal zu mir: „Schamanen erkennen einander!“ Er erklärte mir, dass er in mir schon früh die Schamanin gesehen hatte, die ich damals noch gar nicht war. Nicht alle Menschen kommen jedoch mit einer Berufung zum Heiler oder zur Heilerin auf die Welt und nicht alle müssen den Weg alleine gehen. Insofern spricht auch nichts dagegen, sich die Unterstützung von erfahrenen Schamanen angedeihen zu lassen.

Wann sind Rituale besonders hilfreich? Vor allem, wenn wir uns in Phasen des Übergangs befinden. Der Übergang von der Kindheit zur Geschlechtsreife zum Beispiel wird in unserer christlichen und kapitalistischen Kultur leider komplett ignoriert. Kinder und Jugendliche haben zu funktionieren, egal ob sich gerade ihr gesamter Organismus und ihr Gefühlsleben radikal umgestaltet. Hier besteht dringender Handlungsbedarf! Es ist nicht sehr rühmlich für eine Gesellschaft, wenn sie so offensichtliche Sachverhalte aus Verblendung nicht mehr sehen kann. Aber auch regelmäßig stattfindende Übergänge wie der Wandel der Jahreszeiten, die verschiedenen Mondphasen oder die Sonnenfeste sind gute Anlässe für ein Ritual. Darüber hinaus jede Zeit im Leben, in der wir uns Unterstützung durch eine höhere Kraft wünschen.


Visionssuche – eine Mutprobe

Manche Rituale sind unkompliziert durchzuführen und kosten keinerlei Überwindung. Für manche braucht es jedoch auch ein bisschen Mut. Bei mir traf dies besonders für die Visionssuche zu. Beim ersten Mal habe ich mir dafür Unterstützung geholt: Mit einer erfahrenen Begleiterin führte ich vorbereitende Gespräche, wir fokussierten uns zusammen auf ein Thema, suchten nach einem geeigneten Platz. Sie begleitete mich im Morgengrauen zum Waldrand und holte mich dort wieder ab, nachdem ich einen Tag und eine Nacht allein im Wald verbracht hatte. Danach analysierte meine Begleiterin mit mir noch die Erfahrung, die ich gemacht hatte. Sie bereitete mir eine köstliche Suppe, die erste Mahlzeit nach dem Fasten während des Rituals. Ich war sehr froh, dass ich beim ersten Mal nicht alleine gewesen war.

In der Folgezeit führte ich das Ritual jedes Jahr wieder an verschiedenen Plätzen durch – diesmal aber allein, ohne Begleiterin. Es war jedes Mal sehr heilsam und erhellend für mich. Ich fühlte mich wie neu geboren. Es hat mir viel gegeben, zu spüren, dass ich in der Lage war, ganz allein meine Angst vor der Dunkelheit und der Nacht im Wald zu überwinden. Meine Angst war nämlich groß gewesen, und ich hatte die Durchführung meines Plans zuvor Jahre lang vor mir her geschoben. Seitdem habe ich aber die Fähigkeit, mich auch anderen Situationen, die mir Angst machten, zu stellen und durch sie hindurchzugehen.


Rituale mit Wasser, Feuer, Erde und Luft

Die wichtigsten von mir praktizierten Rituale habe ich den vier Elementen zugeordnet. Manche von Ihnen kommen Ihnen vielleicht bekannt vor, wie das Wasserritual der Fußwaschung, das auf Jesus zurückgeht. Im christlichen Kulturkreis wird es am Gründonnerstag von Priestern an einigen Gemeindemitgliedern durchgeführt. Ein schönes Symbol der Demut, das der Reinigung dient. Dem Feuer ist z.B. ein Ritual der Selbstvergebung zugeordnet. Wer unter unfruchtbaren Schuldgefühlen leidet, kann seine „Sünden“ auf Papierzettel schreiben und sie rituell verbrennen. Nicht ohne allerdings intensiv gespürt zu haben, dass ihm seine Taten leid tun und nicht ohne versucht zu haben, Wiedergutmachung zu leisten. Zur Erde gehört das Weihnachtsbaumritual, bei dem wir am Heiligen Abend draußen in der Natur unseren Lieblingsbaum umarmen. (Es ist übrigens empfehlenswert, sich einen ganz persönlichen Baum, einen Heiligen Baum, auszusuchen und mit ihm eine besondere Beziehung zu pflegen.) Diesen Baum bitten wir um Vermittlung unserer friedvollen Absichten an Mutter Erde und Vater Himmel, mit denen diese eindrucksvolle Pflanze über Wurzeln und Krone verbunden ist.


Hier – der Jahreszeit entsprechend – ein Ritual, das ich der Luft zugeordnet habe:

Osterritual

Gehe am Ostermorgen noch vor Sonnenaufgang an einen besonderen Ort der Kraft, wo du auf einer Wiese stehen kannst. Ziehe im Uhrzeigersinn einen Kreis aus Dinkel. Du kannst ihn nach Belieben auch mit Blumen, Federn, Steinen und anderen Naturgegenständen schmücken. Wende dich den vier Himmelsrichtungen zu und rufe die heiligen Kräfte zu dir in den Kreis. Gehe in die Mitte des Kreises und rufe den Vater im Himmel und Mutter Erde in den Kreis. Tauche in der Mitte deine Hände in den Morgentau, wasche dir damit die Hände und das Gesicht. Der Morgentau am Ostermorgen ist von besonderer Segenskraft. Bete und meditiere noch eine Weile auf Deine Weise im Kreis. Genieße den Moment des Sonnenaufgangs.  Dann löse den Kreis entgegen dem Uhrzeigersinn auf. Beende das Ritual mit dem Segenswunsch: „Mögen alle Wesen glücklich sein!“


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Monika Herz: „Alte Heilrituale. Selbstheilung im Medizinkreis“

Nymphenburger Verlag 2014
Umfang: 144 Seiten
Preis: 12,99 Euro
ISBN 978-3485028073





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