„Die Seelenwelt der Pflanzen“ von Eva Rosenfelder (Rezension)

In Kooperation mit SPUREN

Rezension von Rébecca Kunz

In diesem inhaltlich abwechslungsreichen und optisch verspielt gestalteten Buch geht es zwar um «Die Seelenwelt der Pflanzen», aber immer auch um unsere eigene Seelenwelt und unsere Interaktionen mit den grünen Mitwesen. Ohne die wir notabene nicht existieren könnten. Auf der materiellen Ebene stellen uns die Pflanzen Sauerstoff, Nahrung und unzählige heilende Wirkstoffe zur Verfügung; auf der geistig-seelischen Ebene sind die Einflüsse und Wirkungen subtiler. Diesen geht Eva Rosenfelder (nomen est omen!) in vielfältiger Weise nach: in Biografischem, in poetischen Betrachtungen zu den einzelnen Bereichen, in zauberhaften Gedichten, in Rezepten und Inspirationen. Frank Brunke hat atmosphärische Fotografien beigesteuert. Dem erfrischenden Buch wird mit dem Jahresverlauf von Erd- und Ahnenreich, Auferstehung, Erwachen, Knospen, Blühen, Liebe, Ernte und Loslassen ein stimmiger Rahmen gegeben. In diesem Kontext kommen, ausser der Autorin, neun Männer und Frauen zu Wort, die einen ganz besonderen Zugang zur Pflanzenwelt haben: Tilman Schlosser, Frank Brunke, Regula Mathies, Jürg Reinhard, Agnes Barmettler, Orna Ralston, Ursula Bühler, Wolf-Dieter Storl und Gisula Tscharner. Eva Rosenfelder erspürt differenziert die Essenz dieser Seelengärtner und Seelengärtnerinnen und zeichnet in klarer Sprache nach, wie sie ihre tiefe Verbindung mit der Pflanzenwelt gestalten.

 

Leseprobe:

Eigene Wurzeln – Von meinem gärtnerischen Urgrund

Alles Leben wächst aus dem Dunkeln. Dort ruhen die Samen manchmal eine halbe Ewigkeit und warten, bis ihre Zeit kommt, um ans Licht zu sprießen. Ruhe, Wachstum, Blüte, Frucht und Reife: Alles braucht seine Zeit. Auch die Waldengelwurz, die ich mir jahrelang »vergeblich« in meinem Waldgarten gewiinscht hatte. Immer wieder habe ich Samen ausgesät, doch nichts geschah. Nach über zehn Jahren sind unerwartet zwei Pflanzen gewachsen, und das gerade in einer Zeit, in der mir Engel solcher Art mehr als willkommen waren. Was fiir ein Geschenk!

Wenn wir von Pflanzen sprechen, haben wir meist nur einen Teilzustand ihres Lebens vor unserem inneren Auge: die Blüte und die Frucht. Wir lieben blühende, dutzende Blumen, prachtvolle grüne Bäume, saftige süße Früchte und eine knackige, reichhaltige Gartenernte.

Die Lebensgeschichte der Setzlinge, die wir in unsere Gärten tragen, interessiert uns eher wenig. Hauptsache, die Grünlinge wachsen, werden schön stramm und bringen Ertrag. Uns Menschen der heutigen Gesellschaft geht es ja auch nicht anders: Jung, schön und erfolgreich ist gefragt; was kränkelt, schrumpelt und welkt oder sich gar zur Erde neigt – wie die alten Leute, die ihre Kräfte verlieren und bucklig werden –, ist nicht erwünscht.

Die Daseinsgeschichte jeder Pflanze beginnt und endet aber im Dunkeln, so wie auch die unsrige. Im Bauch der Mutter Erde träumen sich die Samen in ihre Gestalt, mit der sie ans Licht wachsen werden. Werden sie geweckt und gekitzelt von den warmen Sonnenstrahlen, recken sie sich dem Licht entgegen, so wie auch wir Menschen es tun auf unsere mannigfaltige und oft undurchsichtige Art. Selbst das egoistische Streben nach Macht und Erfolg mag ein solcher Versuch sein. Doch immer ist es die nährende Dunkelheit und Stille, die uns die Kraft gibt, ans Licht zu gelangen. Ein Burn-out, an dem immer mehr Menschen leiden, kann nur entstehen, wenn wir uns keine Zeit mehr nehmen zu träumen, in den nährenden Erdboden der eigenen Seele zu tauchen und dem Lied des Lebens zu lauschen.

Beobachte ich die Menschen, die im Frühjahr in die Gartencenter strömen, in ihren Einkaufswagen Haufen blühender Blümchen – im Dutzend billiger –, Beerenstauden und Rosenbäumchen, daneben gleich auch Unkrautvertilger, Dünger und Pflanzenschutzspray, dann rätsele ich immer, warum diese Pflanzen solches von uns Menschen ertragen und nicht schon bei der Aufzucht eingegangen sind. Träumen sie davon, dass wir Menschen erwachen und sie doch eines Tages in ihrem Sein wahrnehmen? Welche Geduld, welche Liebe doch aus dieser grünen Welt zu uns strömt!

Garten als Seelenraum

Auch im Zurechtstutzen und Trimmen der Gärten nach menschlichen Kriterien ist Sehnsucht spürbar. Unsere Gärten sollen zu Oasen werden, die uns nähren – und zwar nicht nur kulinarisch, sondern mit allen Sinnen: Wir ersehnen die Schönheit der Natur, einen Erholungsraum, Vogelgezwitscher und Bienensummen, wir hungern nach Seelennahrung. Doch wie soll diese uns denn zukommen, wenn wir der Natur nicht ihren Seelenraum lassen?

Der Garten als Seelenraum wird immer wichtiger in einer Zeit, in der wir uns zunehmend von der wilden Natur entfernen und damit von unseren eigenen Wurzeln abtrennen. Der Klick auf eine Maus ist vertrauter als deren scheuer Blick aus schwarzen Knopfäuglein.

Doch zum Glück hat sich die wilde Natur die Menschenseele als Verbündete gewählt: Je mehr der Mensch sich von der Erde distanziert, desto mehr gedeiht gleichzeitig seine Sehnsucht nach Verbindung mit ihr. Siehe da: Auf Terrassen und Balkonen wachsen längst nicht mehr nur Geranien. Gemüse wuchert über Fassaden, hoch über den Straßen ernten eifrige Städter frische Tomaten, Fruchtbäumchen werden in Töpfen gezogen, Zwiebeln und Kopfsalat zieren die Fensterfront, und experimentierfreudige Stadtimker versuchen sich gar im Honigschleudern. Urban Gardening nennt sich das. Der Wunsch nach einem kleinen Paradies und ein bisschen Grün ist riesig.

Meist beginnt alles voller Hoffnung, Freude und Sorgfalt. Liebevoll und natürlich »bio« werden junge Pflänzchen ausgebracht und sorgfältig gehegt – bis es erste Invasionen aus der kleinen Welt gibt: Dickmaulrüßler marschieren ins Paradies ein, und ratzeputz sind Blättchen verschwunden, Wurzeln abgenagt. Ameisenheere züchten auf wohlriechenden Blütenpflanzen ihre klebrigen Läuse. Aus der frisch gekauften Bioerde kriechen Horden nackter winziger Babyschnecken mit wenig unschuldigem Appetit. In einer einzigen Nacht haben sie die zarten Salatsetzlinge verputzt und die wohlriechenden Cherry-Tomaten durchlöchert …

Die Natur hat eine eigenartige Sprache, nämlich die ihr eigene. Sie ist nicht so einfach zu verstehen für unsere Gattung, die oft sehr konkrete Vorstellungen hat, wie der persönliche Paradiesgarten – und sei er noch so klein – aussehen soll.

Vielleicht haben Sie einen grünen Daumen? Der Weg zum Garten meiner Träume jedenfalls ist noch immer weit und voller Überraschungen. Manchmal habe ich das vage Gefühl, mein Garten erträume mich. Immerhin hat sein Einfluss, der inzwischen elf Jahre dauert, mich schon ziemlich stark auf den Boden gebracht.

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