„Das Tagebuch der Menschheit“ von Carel van Schaik (Rezension)

In Kooperation mit Connetion.de

Rezension von Barbara Wollstein

Wir leben in aufregenden Zeiten, vielleicht in einem Paradigmenwechsel. Jeden Tag gibt es neue Anlässe für Diskussionen. In all der Aufgeregtheit kann es nicht schaden, sich auf die Wurzeln der conditio humana zu besinnen. Dazu verhilft dieses Buch.

Warum wird in der Genesis die Erschaffung der Menschen gleich zwei mal und unterschiedlich erzählt? Was war paradiesisch am Garten Eden? Ist der freundliche Gott in den Psalmen derselbe, der auch unschuldige Kinder in der Sintflut ertrinken ließ? Wie verträgt sich der Monotheismus mit der Dreifaltigkeitslehre? Was passiert mit den Seelen Verstorbener bis zum Jüngsten Gericht?

An diesen und vielen anderen Fragen, die die Bibel aufwirft, arbeiten sich Theologen seit Jahrhunderten ab. Jetzt kommen zwei Agnostiker, die das Buch der Bücher mit Hilfe zahlreicher Quellen aus vielen Wissenschaftsbereichen neu deuten, und siehe da: Die Fragen werden umfassend, fundiert und überzeugend beantwortet. Der Anthropologe und Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker und Literaturwissenschaftler Kai Michel haben zusammen „Das Tagebuch der Menschheit“ geschrieben (erschienen im September 2016). Für sie ist die Bibel nicht nur Zeugnis der jüdischen und christlichen Religion, sondern die wichtigste Quelle für essentielle Aussagen über das Wesen der Menschen und die Geschichte ihrer natürlichen und kulturellen Entwicklung.

Über tausend Jahre wurde an der Bibel geschrieben. Doch schon lange vorher gab es den Glauben an übernatürliche Wesen, die Angst vor dem Tod und die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Das ist eine Konstante der Menschheit, die sich in der Zeit der Jäger und Sammler entwickelt hat, und die größtenteils auch die aktuell verbreitete Abkehr von den Religionsgemeinschaften überdauert.

Van Schaik und Michel spannen einen Bogen von Adam und Eva über Jesus und die Apokalypse bis zum heutigen Status quo der Religionen. Ihr Buch ist ebenso informativ wie spannend und gut lesbar. Die fünf Teile plus Einleitung und Epilog sind klar gegliedert und aufeinander aufgebaut. Die kurzen Unterkapitel enden jeweils mit einem dezenten „Cliffhanger“, der den Leser verführt, weiter und weiter zu lesen. Die Sprache orientiert sich am Wortschatz des gebildeten Laien, ist aber auch locker und fantasievoll. Da werden schon einmal die Patriarchen des Alten Testaments mit den Oberhäuptern von TV-Serien-Clans verglichen, oder das junge Christentum als das Schweizer Messer unter den Religionen bezeichnet. Das Buch bietet intellektuellen Gewinn und großes Vergnügen.

Die Bibel ist hier nicht das perfekte Wort Gottes, sondern eine aufschlussreiche Menschheitsgeschichte. Der Sündenfall geschieht, indem die Menschen sesshaft werden und Besitz anhäufen. Daraus folgen Ungleichheit und Gewalt. Die Entstehung von Städten und größeren Gesellschaften fördert die Verbreitung von Krankheiten und Seuchen. Sie werden als die Strafe Gottes für die zunehmende Sittenlosigkeit angesehen. Sühneopfer spielen nun eine wichtige Rolle. Auch Kriege, Niederlagen und Versklavung zeigen den Zorn Gottes über Verfehlungen seines Volkes. Die Einhaltung der umfassenden Verhaltensregeln der Tora sollen ihn versöhnen. Ihre Hygiene-Vorschriften sind eine Mischung aus Empirie und magischen Vorstellungen. So ist die Weiterentwicklung der Religion immer wieder eine Antwort auf die Nöte der Menschen. Sie dient der Welterklärung in vorwissenschaftlichen Zeiten, der Entlastung und dem Zusammenhalt.

Die Autoren sehen die moderne Wissenschaft als Erbin der intellektuellen Religion, von der sie sich erst seit 300 Jahren abgelöst hat. Sie beenden ihre Abhandlung mit der Feststellung, dass es weiterhin jedem Leser der Bibel überlassen bleibt, zwischen den Zeilen den göttlichen Geist zu verspüren.

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