„Das Dreckige Leben“ von Kristin Kimball (Rezension)

Leben ohne Strom
Buchauszug aus «Das dreckige Leben» von Kristin Kimbali

Es war das erste Mal, seitdem Mark das College beendet hatte, dass er keine Farm zu bewirtschaften hatte, und ohne die ständige harte physische Arbeit wurde er angespannter als ein Border Collie ohne eine zu hütende Herde. Der obsessive Teil in ihm gedieh ungehemmt weiter. Er wollte ohne Elektrizität leben, aber da er aus dem Haus, das seinen Eltern gehörte, schlecht sämtliche Kabel herausreißen konnte, beschloss er, dass wir einfach keinen Strom benutzten.

Er kaufte Dutzende von Kerzen und rastete jedes Mal aus, wenn ich einen Lichtschalter betätigte. Aus einem Eimer voller Torfmoos, einem Klositz und einer Holzkiste zimmerte er eine Komposttoilette zusammen und stellte sie mitten ins Wohnzimmer. Als ich protestierte, baute er widerwillig eine Stellwand auf.

Er lernte, Wolle zu spinnen und brachte damit unzählige Stunden zu, bis er feines, dünnes Garn herstellen konnte. Ein Nachbar hatte draußen einen Holzofen stehen, den Mark übernahm und in dem er jede Woche vierzig Laibe Vollkornbrot buk, die er den Nachbarn wie Ziegelsteine auf die Eingangsstufen ihrer Häuser warf. Er fuhr mit seinem Fahrrad bis nach New Jersey und zurück.

Einen Monat nach unserer Verlobung luden wir meine Eltern ein, uns zu besuchen, damit sie Marks Eltern kennenlernten. Mein Vater ist ein eingefleischter Republikaner und Veteran der Air Force, und nach seiner Pensionierung haben sich seine politischen Ansichten mehr und mehr nach rechts entwickelt. Er glaubt nicht an die globale Erwärmung, die er für ein Hirngespinst extremer Umweltschützer oder ein Verschwörungsszenario der UNO hält und in jedem Fall für ein Thema, das seiner Meinung nach allein die liberalen Medien hochgekocht haben. Meine Mutter ist zwölf Jahre jünger als er und gehört somit der gleichen Generation an wie Marks Eltern, doch als sie meinen Vater geheiratet hat, ist sie direkt von Elvis und Tellerröcken zu Martinis und Unterhaltungsmusik übergegangen und hat die Beatles komplett übersprungen. Sie wäre zutiefst beschämt, wenn man sie ohne gemachte Betten, abgestaubte Möbel oder frische Staubsaugerspuren auf sämtlichen Teppichen antreffen würde. Sie hat sich in der Öffentlichkeit noch nie ohne Make-up oder eine sorgfältig zurechtgemachte Frisur gezeigt.

Während meine Eltern das waren, was Marks Eltern Spießer nannten, waren Marks Eltern für meine Eltern das, was sie Spinner nannten. Marks Eltern hatten New York City in den späten Sechzigern den Rücken gekehrt, sich ein Stück fruchtbares Land in den Catskills gekauft und gelernt, Gemüse anzubauen und sich davon zu ernähren. Sie lebten in einer umfunktionierten Scheune und hatten bis zu Marks Geburt nicht einmal eine Innentoilette.

Marks Vater ist ein ausgebildeter Ingenieur, doch er wurde Schreiner und ein Aktivist, der sich in seiner Umgebung für alle möglichen Verbesserungen einsetzt. Marks Mutter ist zutiefst naturverbunden. Wenn man ihren Gefrierschrank aufmacht, findet man normaler- weise ein totes Waldmurmeltier oder einen unglücklichen, gegen eine Fensterscheibe geflogenen Vogel, die darauf warten, von der Hobbyforscherin seziert zu werden. Während einer Party habe ich einmal erlebt, wie sie ihre Gitarre hervorgeholt – und ohne eine Spur von Ironie – eine Runde Kum Ba Ya zum Besten gegeben hat.

Beim Abendessen zur Feier unserer Verlobung las Marks Mutter zu unseren Ehren ein selbst geschriebenes Gedicht vor, das sie «Bomben fallen auf Irak» genannt hatte und das meine Eltern, die auf der anderen Seite des Tisches saßen, mit eisigem Schweigen quittierten. Die schlechte Stimmung, die uns sechs überkam, war so hartlaibig wie das Brot, das wir aßen. Mark war gerade voll in seiner Kein-Elektrisches-Licht-Phase, und nach dem Essen tastete sich mein Vater nach draußen zu seinem Auto und holte meiner Mutter die Taschenlampe, damit sie den Weg ins Bad fand, wo sie unwirsch das Licht anschaltete.

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