„Der innere Kompass“ von Lorenz Marti (Rezension)

In Kooperation mit SPUREN

Rezension von Christine Steiger

Wer Lorenz Martis neues Buch «Der innere Kompass» liest, erspart sich die Lektüre etlicher Wälzer über neuere naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse. Allerdings beschränkt sich der Autor nicht auf seine Kunst, komplexe Inhalte verständlich zu vereinfachen, sondern er fügt den Fakten seine nachdenklichen Fragen hinzu, die anregen, sich nun eigene Gedanken zu machen. In kurzen Sätzen und ebenso kurzen Kapiteln eröffnen sich unendliche Universen – innen wie aussen. Am faszinierendsten aber empfand ich inmitten der vielen Erkenntnisse die enormen Wissenslücken, die es noch gibt. Sie sind das Salz in der nahrhaften Suppe aus den vielen Zutaten in diesem Buch.
Leseprobe aus: «Der innere Kompass» von Lorenz Marti

Grammatik des Lebens

Elementarteilchen haben sich zu Atomen zusammengetan, Atome zu Molekülen, Moleküle zu Zellen, Zellen zu Organen, Organe zu Organismen – und das Ergebnis sind Sie!

Das ist ebenso erfreulich wie erstaunlich. Denn niemand vermag zu sagen, warum Elementarteilchen, Atome, Moleküle und Zellen auf eine dermaßen konstruktive Weise zusammenwirken, dass ein Lebewesen entsteht – und warum sie exakt den Menschen geformt haben, der Sie sind: eine einmalige, einzigartige Persönlichkeit, wie es sie auf diesem Planeten noch nie gegeben hat und auch nie mehr geben wird.

An den Bausteinen allein kann es jedenfalls nicht liegen. Der menschliche Körper besteht aus Elementen, wie sie überall in der Natur reichlich vorkommen: vor allem Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, dazu etwas Stick-stoff sowie je eine Prise Calcium und Schwefel. Und seine Atome sind exakt dieselben wie in irgendeinem anderen Objekt, einem Stein etwa oder einer Zahnbürste.

Das Einzige, was den menschlichen Körper von seiner Umgebung unterscheidet, ist die komplexe Organisationsform: Myriaden von Atomen sind in jedem Kind, in jeder Frau und in jedem Greis auf eine höchst differenzierte Weise miteinander verbunden.

Das ist alles andere als selbstverständlich. Atome verteilen sich üblicherweise ungeordnet im Raum (was in der physikalischen Fachsprache Entropie genannt wird). Wie kommt es, dass dies bei einem Lebewesen nicht der Fall ist, dass siebzig oder achtzig Kilogramm Atome nicht irgendwo zufällig verstreut herumliegen, sondern sich zusammentun und einen Menschen wie Sie formen?

Die Wissenschaft geht davon aus, dass dieser Vorgang von der Information gesteuert wird, die in den Genen und ihren molekularen Strukturen steckt. Information heißt das regulierende Element im Innersten der Natur. Sie bringt die Dinge in Form. Information erzeugt im Verbund mit Energie die ganze Vielfalt an Formen und Strukturen. Sie bewirkt, dass im Laufe der Evolution der Ordnungsgrad von Organismen ständig zunimmt. Für den Quantenphysiker Anton Zeilinger ist Information der »Urstoff des Universums«.

Information steht auch am Anfang des Lebens. Es beginnt mit einer einzigen Zelle, in deren Kern der komplette Bauplan eines Menschen versteckt ist. Sie teilt sich in zwei neue Zellen, die sich wiederum teilen. Durch fortlaufende Teilungen wächst nun die Zahl der Zellen schnell an. Ab einem gewissen Punkt schlagen sie unterschiedliche Wege ein. Die einen bilden die Haut, die Augen oder das Gehirn, andere ordnen den Magen, formen eine Niere oder transportieren als Blutkörperchen den Sauerstoff. Der Körper eines erwachsenen Menschen setzt sich aus rund 200 unterschiedlichen Zellarten zusammen.

Wie können aus einer einzigen Zelle so viele verschiedene Zelltypen hervorgehen? Woher weiß die einzelne Zelle, welches ihre Aufgabe ist und wie sie sich entwickeln muss? Welchem Impuls folgt sie, wenn sie zu einer Herz- oder Nasenzelle wird? Woher weiß sie, wie ein Herzmuskel oder ein Nasenflügel auszusehen haben? Wo steht im Erbgut geschrieben, wie kantig die Nase und wie groß das Herz ist? Und wie werden die Zellen koordiniert?

Die Biologie kennt auf diese Fragen eine Antwort: Es ist die im Zellkern gespeicherte Information, ein Abschnitt auf dem DNA-Strang, der Gen genannt wird. Doch diese Antwort wirft sogleich neue Fragen auf: Wie entsteht diese Information? Wie kann die schlichte Abfolge von DNA-Buchstaben auf dem Erbgutstrang ein Lebewesen in seiner ganzen Komplexität hervorbringen? Und wie schaffen es Milliarden von Zellen, in einer präzise abgestimmten Zu-sammenarbeit neues Leben zu bilden?

Je genauer solche Vorgänge untersucht werden, umso nebulöser erscheinen sie. Die Grammatik des Lebens ist in ihren Tiefenstrukturen kaum zu entziffern. Da staunt nicht nur der Laie – selbst erfahrene Wissenschaftler räu-men ein, dass sie das Leben nicht wirklich verstehen.

Das Leben bleibt ein Rätsel, und dieses Rätsel ist möglicherweise unlösbar. Aber das Leben ist noch mehr, viel mehr: Jede Zelle, jeder Atemzug, jeder Augenblick ist auch ein Geschenk. Einfach so, frei und gratis, einmalig und kostbar.

Am Ende aller Erklärungen steht die Dankbarkeit.

 

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